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Leseprobe aus dem vierten, noch unveröffentlichten "Dystwater"-Band:
TÖDLICHE ERKENNTNIS
Mit der Wegbeschreibung von Adriana
war das „Litfass“ in der Tat nicht schwer zu finden. Während ich den kurzen Weg
dahin lief, nahm ich mir die Zeit, in aller Ruhe die Umgebung anzuschauen. Das
Ostertorviertel strahlte etwas gemütliches aus. In gewisser Weise erinnerte
mich die Atmosphäre an meine Studienzeit. Fast konnte man meinen, in die Zeit
der 68er zurück versetzt zu sein. Allerdings wirkte alles gleichzeitig ruhiger,
als ich die Zeit in Erinnerung hatte. Es schien eine Enklave für Alternative zu
sein. Meine Telefonate hatte ich erledigt. Mit dem ersten hatte ich mich für
morgen bei den Eltern von Tobias angemeldet und mit dem zweiten für den
Nachmittag bei der Schwester meiner verstorbenen Frau, die mit Mann und Kindern
hier in der Nähe, in Achim wohnte.
Zuerst irritierte mich die laute Musik im Innern des
„Litfass“ ein bisschen, aber ich gewöhnte mich schnell daran. Es war kurz vor
sechs und noch nicht viel los. Ich bestellte mir einen Pinot Grigio. In etwa
einer halben Stunde wollte Adriana kommen. Das Publikum war gemischt – alte und
junge, wobei die älteren auch – wie es bereits mein Eindruck auf der Straße
gewesen war – wohl der 68er Generation angehörten. Natürlich waren es
Klischee-Vorstellungen, aber der Mit-Fünfziger mit dem kurzen, grauen Haar, der
randlosen Brille, dem bunten, offensichtlich selbstgestrickten Pullover, der
ausgewaschenen Jeans und dem Päckchen Gouloise Blonde Légère vor sich sah
einfach aus, wie ein Lehrer. Die junge Frau mit den langen blonden Haaren ihm
gegenüber in den hautengen Lederhosen und dem T-Shirt war entweder eine
Schülerin von ihm, seine Geliebte oder beides. Der Punker zwei Tische weiter
mit dem grell-grünen Irokesenhaarschnitt, den zahlreichen Ringen durch alle
möglichen, sichtbaren Körperteile und dem riesigen zottelfelligen Hund zu
seinen Füßen las die TAZ. Ich zündete mir eine Zigarette an und trank entspannt
einen Schluck Wein. Während ich so vor mich hin starrte, fiel mir mit einem Mal
auf, dass ich in einen Spiegel sah.
Es dauerte einen Moment, bis ich mich erkannte. So vor drei
Jahren hatte ich jeden Spiegel – bis auf einen ganz kleinen im Bad zum Rasieren
– aus meiner Wohnung verbannt. Man mag es Aberglauben nennen, aber ich wollte
in gewisser Weise mein Spiegelbild bannen. Denn damit verband ich mein
schwarzes Alter Ego Haiisse, das ich früher in Gefahr über einen alten,
magischen Spiegel gerufen hatte. Über einen Spiegel mit meiner Vergangenheit,
mit den dunklen Teilen von mir konfrontiert zu werden, war mir zu gefährlich,
ängstigte mich. Auch der Tod meiner Frau, an dem ich mich mitschuldig fühlte,
hatte dazu geführt, dass ich den Anblick meines Gesichts nicht länger ertragen
hatte, dass ich mir selbst nicht länger in die Augen schauen konnte. Jetzt
blickte ich geradeaus in den Spiegel und war überrascht, wie wenig mir das
bedeutete. Ich sah mein strubbeliges, kurzes, blondes Lockenhaar, in dem sich schon
jede Menge grauer Strähnen fanden, die lange Hakennase, die tief liegenden
Augen mit den Ringen darunter, und das vorspringende Kinn mit der tiefen Kerbe.
Das also war jetzt aus mir geworden. Ein ziemlich alter Mann, kam es mir vor.
In gewisser Weise fiel es mir zuerst schwer, mich mit meinem Spiegelbild in
innere Verbindung zu bringen. Meine Vorstellungen von mir selbst stimmten ganz
offensichtlich nicht mehr so richtig mit der Realität überein. Denn auch, wenn
ich mir meines Alters durchaus bewusst war, so kam ich mir doch deutlich jünger
vor, als mit meinen fast 45 Jahren – irgendwie dynamischer. Ich musste grinsen.
Denn ich sah sogar älter aus, fand ich. Meinen Konsum an Zigaretten und Alkohol
würde ich einschränken müssen. Aus Sport machte ich mir nichts, aber vielleicht
sollte ich mehr schlafen, mich auch gesünder ernähren. Mal sehen. Mich
faszinierte mein Gesicht regelrecht – so lange hatte ich es schon nicht mehr
gesehen. Gleichzeitig stellte ich fest, dass mir das alles nichts ausmachte.
Ich konnte mich sehen, mein Bild im Spiegel ertragen, ohne dass ich dabei etwas
Bedrohliches, Beängstigendes empfand. Ich prostete mir zu.
Mit einem Mal war ich unsicher, ob ich mir die Uhrzeit
unseres Treffens richtig gemerkt hatte. Es war zwar noch Zeit, aber so um
viertel vor sieben wollte ich sie anrufen, wenn sie noch nicht aufgetaucht war.
Als ich in meiner Jackentasche nach meiner Brieftasche griff, um Adrianas
Visitenkarte herauszuholen, auf der ihre Handy-Nummer stand, erfassten meine
Finger einen dicken Umschlag. Es war der Brief meiner Mutter, den ich gestern
nicht mehr gelesen, sondern einfach eingesteckt hatte. Zuerst wendete ich ihn
hin und her, dann riss ich ihn auf. Sie hatte mir mal wieder sehr ausführlich
geschrieben. Ihre kleine, schnörkellose Handschrift bedeckte fast sechs Bögen.
Wie immer ließ sie sich zuerst lang und breit über alle möglichen Bekannten,
deren Krankheiten und Probleme aus – über Menschen, die ich zumeist überhaupt
nicht kannte. Dann klagte sie über ihren eigenen Gesundheitszustand, von dem
ich jedoch nach Gesprächen mit ihrem Hausarzt wusste, dass er für ihr Alter
bestens war. Es handelte sich nur um die üblichen Litaneien. Schließlich kam
sie auf unser Verhältnis zu sprechen. Und hier schlug sie plötzlich neue Töne
an. Sicher, sie bedauerte, dass wir uns so selten sähen, aber dann kamen
selbstkritische Töne, die ich von ihr überhaupt nicht gewöhnt war.
Der Aufhänger war für sie diese unselige Debatte, die zur
Zeit von der CDU geführt wurde, wie es um unseren Nationalstolz als Deutsche
bestellt sei. Am meisten konnte ich noch unseren Umweltminister Trittin
verstehen, der den CDU-Generalsekretär Meyer hart angegangen war. Auch wenn ich
zugeben musste, dass Trittin sich im Ton vergriffen hatte. Aber im Großen und
Ganzen berührte mich die Frage, ob man stolz auf unser Vaterland sein könne,
nicht besonders. Denn Deutschland war für mich nicht mein Vaterland – wobei ich
schon den Ausdruck „Vaterland“ für furchtbar schwülstig und unserer Zeit
unangemessen hielt. Dabei hielt sich meine Mutter aber nicht lange auf, sondern
bedauerte, dass sie mich damals aus meiner Heimat Südafrika herausgerissen und
hierher gebracht hatte. In gewisser Weise entschuldigte sie sich bei mir dafür,
dass ich hier wurzellos und – wie sie fand – ein unsteter Geist geworden war.
Das berührte mich. Ihrem gewundenen Stil war anzumerken, wie sie mit jedem Satz
gerungen hatte. Ich sah sie regelrecht vor mir: mit gebeugtem Rücken an ihrem
alten, großen Schreibtisch in ihrer 4-Zimmer-Wohnung im Frankfurter Westend sitzend
und aus dem Fenster schauend, während sie überlegte, was für Worte sie wählen
sollte. Sie entschuldigte sich bei mir regelrecht für die Anfangsjahre in
Deutschland, wo sie mich gleich nach unserer Ankunft 1969 in das Internat von
St. Blasien im Schwarzwald gesteckt hatte und all die Folgejahre, in denen sie
kaum Zeit für mich gehabt hatte. Die Arbeit in dem Verlag hätte sie
aufgefressen. Sie gab zu, lange Zeit keine gute Mutter gewesen zu sein und
hoffte nur, dass ich jetzt meinen Weg gefunden hatte und glücklich sein konnte.
Auf die Ehe mit meiner verstorbenen Frau Pat ging sie jedoch mit keinem Wort
ein. Sie wünschte nur, dass meine beiden Söhne jetzt bei meiner Schwägerin
glücklich aufwachsen könnten. Ich musste schlucken.
Als Adriana sich mir gegenüber an den Tisch setzte, schrak
ich von meiner Lektüre auf. Sie sah mich ernst und fragend an.
Du schaust so traurig drein. Was ist passiert? Ist es der
Brief?“
Zwar mochte ich die junge Frau, aber das ging sie nun nichts
an; zumindest nicht, was mich auf Grund der Lektüre des Briefes bewegt hatte.
So gelassen wie möglich winkte ich ab.
„Nein, das ist nur der obligatorische Brief meiner Mutter,
der alle halbe Jahre mal von ihr kommt.
Ich war einfach nur in Gedanken. Die beiden Morde nehmen mich ziemlich mit; vor
allem der an Clarissa, den ich selbst gesehen habe.“
Adriana nickte mitfühlend und bestellte sich auch einen
Wein. Zuerst unterhielten wir uns über unsere Eltern und unsere Kindheit. Sie
war behütet auf dem Bauernhof aufgewachsen, hatte aber früh lernen müssen,
Pflichten genau zu erfüllen. Zu ihrem Bruder, der den elterlichen Hof
weiterführte, hatte sie guten Kontakt. Sie besuchten sich oft gegenseitig. Wir
kamen dann auf Beziehungen – ihr Bruder war verheiratet und hatte drei Kinder –
sie war ledig, wollte aber heiraten und auch noch Kinder bekommen. Zur Zeit
ging ihr Beruf jedoch vor. Ich erzählte von meiner Ehe und deren Zerbrechen.
Mein Verhältnis zu Sandra erwähnte ich nicht. Immerhin war das ja auch so gut
wie vorbei. Schließlich sprachen wir wieder über Tobias und Clarissa. Mehr als
das, was Adriana mir bereits dazu berichtet hatte, kam dabei nicht raus. Wie
sich Clarissa und Tobias kennen gelernt hatten, wusste Adriana nicht. Eines
Tages war Tobias mit seiner neuen Freundin aufgetaucht. Sie war nett und allen
sympathisch und wurde sofort in den Kreis aufgenommen. Allerdings hatte sie
wenig über sich erzählt. So wusste Adriana auch nicht, woher Clarissa kam, ob
sie Geschwister hatte und wer noch alles ihre Freunde gewesen waren.
Adriana plauderte dann über ihre Studienzeit hier in Bremen
und wie sie das aufregend gefunden hatte. Ich ertappte mich dabei, dass ich ihr
überhaupt nicht zuhörte. Ich sah ihr in die Augen, die türkis schimmerten, und
ließ mein Auge zu ihrer feinen Nase und dem sinnlichen Mund hinab wandern. Beim
Sprechen hob und senkte sich ihr Busen und ich spürte plötzlich, dass sie mich
erregte. Über ihre Schulter hinweg fiel mein Blick dann auf mein Spiegelbild.
Jetzt kam ich mir albern vor. Ich war doch nun wirklich ein gebranntes Kind,
was Beziehungen anbelangte. Und ich war hier, um etwas über die Morde an Tobias
und Clarissa heraus zu finden und nicht, um wieder einmal junge Frauen
anzumachen. Einen Augenblick lang schämte ich mich fast ein bisschen. Meinen
Wein hatte ich in der Zwischenzeit ausgetrunken und bestellte noch ein Glas.
Adriana entschuldigte sich, da sie zur Toilette musste.
Den kurzen Moment der Ruhe nützte ich, mir zu überlegen, was
ich hier mit dieser Holländerin eigentlich wollte. Außer eben, mit einer attraktiven
Frau zusammen zu sein. Ihr Verhalten war bislang immer wieder merkwürdig
gewesen. Als ich ihr vor fünf Tagen das erste Mal begegnet war, hatte sie
Engagement für die Sache gezeigt und ihre Hilfe bei der Aufklärung von Tobias‘
Tod angeboten. Heute hatte sie zwar zuerst bereitwillig auf meine Fragen
geantwortet, war dann aber sichtlich froh über die Ablenkung gewesen, die das
Eintreffen von Onno bewirkt hatte. Sie war zuletzt immer angespannter
dagesessen, hatte die Arme verschränkt und die Beine übereinander geschlagen.
Dabei wippte ihr einer Fuß ständig. In der Küche wollte sie dann heiter,
unbeschwert wirken und goss uns Prosecco ein. Gleichzeitig wollte sie Onno
ablenken und erst über etwas anderes sprechen. Anschließend wirkte sie fahrig,
ihre Körpersprache signalisierte Abwehr. Als das Heft mit den Zeichen
herumgereicht wurde, wirkte sie erleichtert. Ich konnte mir auf dieses
Verhalten keinen Reim machen. Wollte sie etwas verbergen? Aber was? Das machte
alles keinen Sinn. Und bevor ich weiter grübeln konnte, kam sie auch schon
zurück.
Adriana schien es mit einem Mal eilig zu haben. Sie hätte
noch einen Termin bei einer anderen Freundin und verabschiedete sich bis morgen
– mir einen schönen Abend wünschend. Da saß ich nun. Es war mittlerweile fast
halb neun geworden und ich verspürte Hunger. Die paar Speisen, die im „Litfass“
angeboten wurden, reizten mich nicht sonderlich. Also zahlte ich und ging.
Draußen überlegte ich, wohin ich mich wenden sollte. Zwar war ich vor längerer
zeit einmal in Bremen gewesen, aber da erinnerte ich mich an kein Lokal mehr –
und im „Viertel“ war ich sowieso noch nie gewesen. Mein Blick blieb an einem
Schild auf der anderen Straßenseite hängen: das „Saxophone“. Es war ein ulkiges
Schild: verkehrt herum geschrieben: „enohpoxaS“ und als Bogen gekrümmt. Das
machte mich neugierig.
Das Essen war sehr gut gewesen: Jumbo-Krabben vom Grill in
Knoblauchsoße mit Brot und Salat. Das Ambiente, vor allem im hinteren Teil, dem
Wintergarten mit den vielen Pflanzen und Rattan-Möbeln, war gemütlich gewesen,
die Bedienung freundlich und zuvorkommend. Angenehm gesättigt verließ ich das
Lokal so gegen halb zehn. Draußen war es kühl aber trocken. Da mich der Wind
störte, zog ich mir die Kapuze des Parkas über den Kopf. Gerade bog ich vom
Restaurant nach links, als mir einfiel, ich könnte ja noch schnell mal nach
meinem Auto sehen, ob es da unten in der Tiefgarage auch gut und sicher stand.
Um mich vor dem Wind noch mehr zu schützen, der zunehmend schneidend wurde,
hielt ich mich so nahe im Häuserschatten wie möglich. Als ich bei einem
Schlüsseldienst um die Ecke bog, sah ich ihn sofort und zog mich hastig wieder
um die Ecke zurück.
Gleich nach dem ersten Haus am Hohenpfad, vor Pollern, die
den Tiefgaragenbereich absperrten, stand der Geländejeep, der Clarissa
überfahren hatte. Das Logo an der Tür mit dem Löwenkopf und den gekreuzten
Schwertern ließ keinen Zweifel übrig. Mein Verfolger war mir also auf der Spur.
Ich hatte auf der Fahrt nach Bremen nichts bemerkt, musste mir aber
eingestehen, dass ich nicht sonderlich auf die anderen Autos, vor allem hinter
mir, geachtet hatte. Nun wartete er offenbar, dass ich zu meinem Rolls zurück
kehrte. Einen Moment lang schlug mir das Herz bis zum Hals. Ich wusste, er
würde mit mir ebenso kurzen Prozess machen, wie mit Clarissa. Ärgerlich stellte
ich fest, dass ich auch meine Pistole in der Reisetasche gelassen hatte. Da lag
sie nun sicher in der Schildstraße. Dabei hatte ich sie doch extra mitgenommen,
um mich zu schützen. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu versuchen, so
vorsichtig wie möglich in die Schildstrasse zu kommen. Eine Konfrontation hier
war gefährlich, da der Hohenpfad menschenleer dalag. Sicher, hinter einigen
Fenstern brannte Licht, aber niemand war auf der Strasse. Wenn dieser Typ nun
eine Pistole mit Schalldämpfer benützte, hatte ich hier überhaupt keine Chance.
Der belebte Ostertorsteinweg bot mir zumindest noch eine gewisse Deckung und
Schutz. So eilig wie möglich und so unauffällig wie nötig schlich ich mich
zurück und eilte zu meinem Domizil. Dabei vergewisserte ich mich immer wieder
mit Blicken über die Schulter, dass er mir nicht etwa folgte.
Oben in der Wohnung schnaufte ich zuerst einmal gründlich
durch. Soweit ich hatte erkennen können, war mir niemand gefolgt. Aber was
jetzt? Ich ging zuerst in die Küche, dann ins Wohnzimmer, musste aber
feststellen, dass ich allein war. Als ich mir in der Küche ein Glas griff,
stellte ich fest, dass meine Hände zitterten. Natürlich war mir klar warum –
nicht allein wegen der Gefahr, sondern auch, weil ich ihr diesmal mit
„normalen“ Mitteln begegnen wollte und nicht mit den Kräften der Magie. Diese
waren mir jedoch so vertraut, dass ich mich nun trotz der Waffe schutzlos
fühlte. Ohne Skrupel stöberte ich ein bisschen herum und ertastete in einem der
Küchenschränke tatsächlich eine Flasche Whisky. Ich goss mir das Glas ziemlich
voll, setzte mich damit an den Küchentisch und zündete mir eine Zigarette an.
Nach dem ersten Schluck ging es mir bereits besser. Ich genoss die Dunkelheit,
die nur etwas vom Schein einer Hoflaterne durchbrochen wurde. Licht hatte ich
keines anmachen wollen.
Als ich mich halbwegs beruhigt hatte, überlegte ich, wie ich
nun am besten vorging. Heute wollte ich eigentlich nur noch ins Bett und
schlafen. Morgen hatte ich zwei Termine: Am Vormittag bei den Eltern von Tobias
und am Nachmittag den bei meiner Schwägerin in Achim. Am Abend wartete dann
diese Einladung zum Cabaret-Besuch auf mich. Damit war der Tag voll. Trotz der
Waffe, die dann bei mir haben würde, musste ich höllisch aufpassen. Wie ich
meinen bedrohlichen Verfolger allerdings loswerden sollte, war mir bislang
schleierhaft. Ich konnte mich doch nicht ewig auf der Flucht bewegen. Das würde
ich jedoch heute Abend nicht lösen. Eins nach dem anderen. Ob ich nun etwas bei
Tobias‘ Eltern fand oder nicht, auf alle Fälle musste mir jemand mit dem Heft
weiterhelfen; aber wer? Im Moment war ich da etwas ratlos. Am Besten konnte da
vielleicht noch Bernd einen Tipp geben. Der kannte so viele Leute, da war
vielleicht auch jemand darunter, der etwas mit diesen merkwürdigen Kürzeln
anfing. Der letzte Schluck Whisky rannte wohltuend durch die Kehle und ich
erhob mich, um zu Bett zu gehen.
Ich zog die Vorhänge in meinem Zimmer zu, nachdem ich einen
Blick die Schildstraße hinauf und hinab geworfen, aber keine Menschenseele,
geschweige denn den Geländejeep gesehen hatte. Dann erst knipste ich die Stehlampe
an. Vor dem Einschlafen wollte ich noch einen Blick auf das Heft von Tobias
werfen. Als ich in meiner Reisetasche vergebens gesucht hatte, dachte ich
zuerst, ich hätte es woanders hingelegt. Doch viele Möglichkeiten gab es in dem
kleinen Zimmer nicht und ich fand es nicht. Hatte ich es in der Küche liegen
lassen? Ich ging also zurück, machte diesmal Licht, aber auch hier – nichts.
Selbst im Wohnzimmer, wo ich noch einen kurzen Blick umher warf, sah ich das
Heft nicht. Zurück in meinem Zimmer überlegte ich. Die Aufzeichnungen von
Tobias waren eindeutig verschwunden. Vielleicht hatte jemand der anderen das
Heft genommen, um es einer Person zu zeigen, die damit etwas anfing. Also würde
ich bis morgen warten müssen, bevor ich das heraus bekam. Ich ging ins Bad,
machte mich fertig und legte mich dann hin. Es dauerte eine Weile, bevor ich
einschlafen konnte. Die Geschichte mit dem verschwunden Heft war nur eine der
vielen Merkwürdigkeiten des Tages gewesen. Ich war gespannt, ob und was ich
morgen heraus finden würde.
Mittwoch
Ohne mich an irgendwelche Träume erinnern zu können, wachte
ich relativ erfrischt auf. Schon lange brauche ich keinen Wecker mehr. Ich kann
mich vor dem Einschlafen auf eine Uhrzeit einstellen und wache dann auch
ziemlich pünktlich auf. Es war kurz nach neun. Erst ging ich ins Bad, dann in
die Küche, traf aber niemanden an. Wenn nicht noch jemand schlief, waren wohl
alle schon ausgeflogen. Auf dem Tisch hatte man freundlicherweise noch für mich
gedeckt und so frühstückte ich erst einmal, denn um zehn Uhr war ich bei
Tobias‘ Eltern angemeldet. Da niemand in der Wohnung war, konnte ich auch noch
nicht nach dem verschwunden Heft fragen. Das musste dann halt bis heute Abend
warten.
Ich fuhr mit der Straßenbahnlinie 10 zum Bahnhof und weiter
mit dem Bus, was hier in Bremen tatsächlich einfach und bequem war. Einen
Verfolger konnte ich die ganze Zeit über nicht entdecken. Heute hatte ich die
Waffe in meinem Parka verstaut. Dank des Stadtplans fand ich dann das kleine
Reihenhaus in der Neuen Vahr recht schnell. Alles wirkte zwar alt – so aus den
fünfziger, sechziger Jahren – aber ordentlich und gepflegt. Die Gärten sahen
ansprechend aus – besser als jene im Norden von Hamburg, in Diekdorp, wo ich
vor einigen Jahren mal mit einem Fall beschäftigt war. Hier hatte man mehr
Fantasie bewiesen; neben Koniferen blühten bereits Frühjahrsblumen wie Tulpen
und Narzissen, sowie die ersten Stauden. Auf mein Klingeln wurde mir sofort
geöffnet. Ich schätzte die Eltern von Tobias auf Mitte sechzig. Sie waren
einiges kleiner als ich, aber auch Tobias war nicht sonderlich groß gewesen.
Beide machten einen freundlichen, gefassten und bestimmten Eindruck. Nach einer
kurzen Begrüßung, ich der ich mich und mein Vorhaben vorstellte, führten sie
mich in das Zimmer von Tobias.
Das sie es mir bereits am Telefon gesagt hatten, war ich
nicht vollkommen überrascht. Tobias war oft nach Hause gekommen und so hatten
die Eltern sein Zimmer nicht anderweitig verwendet, nachdem er zu Beginn des
Studiums in eine Wohngemeinschaft umgezogen war. Und obwohl sie nach seinem Tod
schon ein paar Mal darüber nachgedacht hatten, nun einen Schlussstrich zu
ziehen und den Raum auszuräumen, hatten sie sich noch nicht dazu durchringen
können. Darüber war ich natürlich sehr froh. Sie ließen mich dann mit der
Bemerkung allein, unten auf mich zu warten, bis ich fertig sei.
Zuerst ließ ich in Ruhe meinen Blick durch den Raum
schweifen. Er war so eingerichtet, wie man es von einem Jungen-Zimmer
erwartete. Neben Bett, Schrank, kleiner Kommode mit Fernseher darauf und einem
Bücherregal mit Romanen und Schullektüre dominierte ein Schreibtisch. Der Blick
aus dem Fenster fiel auf den Vorgarten und die Straße. An der Wand hingen zwei
große Poster mit Motorrädern. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, bei einem
Abiturienten zu Gast zu sein, der gleich wieder kommen würde. Es roch frisch
hier – mit einem Hauch von Duft nach gemähtem Gras. Sicher hatten die Eltern
erst kürzlich gelüftet. Mich beschlich ein eigentümliches Gefühl – als sei die
Zeit stehen geblieben. Doch allzu lange wollte ich mich hier auch nicht
aufhalten. Also begann ich mit meiner Suche. Der Schrank gab – wie vermutet –
nichts her. Unter dem Bett fand ich vier Kartons, die bei näherer Prüfung
ausschließlich jene eingeschweißten japanischen Comic-Hefte, Mangas genannt,
enthielten, von denen Adriana gesprochen hatte. Dann nahm ich mir den
Schreibtisch vor.
Ich setzte mich auf den dazugehörigen Sessel und ging alle
Schubladen gründlich durch. Wenn auch nicht leer, so enthielten die meisten
Schubladen nur wenige Utensilien, wie Schreibhefte für die Schule, einen
Tuschmalkasten mit Pinseln, Radiergummis, etc. Alles lag aufgeräumt und
ordentlich da. In der obersten linken Schublade befand sich ein Schnellhefter.
Er enthielt Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitte. Zuerst blätterte ich sie
flüchtig durch – in der Annahme, dass sie mit seinem Job und technischen Entwicklungen
zu tun hätten. Doch dann stutzte ich und begann mir alle in Ruhe anzuschauen.
Bei jedem der Artikel ging es um Subventionen und Subventionsbetrug in der EU.
Mit fiel ein, was Bernd mir am Abend vor meiner Fahrt nach Bremen noch erzählt
hatte. Unter „Power Pixels“, wo Tobias bis zuletzt gearbeitet hatte, befand
sich diese Multimedia-Ausbildungsfirma, von der Bernd behauptet hatte, sie sei
eine Scheinfirma, um EU-Gelder abzuzocken. Sollte da doch mehr dran sein und
Tobias in dieser Richtung recherchiert haben? Doch je mehr ich las, umso klarer
wurde, dass sein Hauptinteresse dem Subventionsbetrug im Agrar-Bereich gegolten
hatte – und dort speziell der Genforschung. Die Artikel waren zum Teil
grundsätzlicher, erklärender Art und zum anderen Beschreibungen von Fällen.
Das war zwar interessant, brachte mich jedoch nicht weiter.
Es sei denn, dass er – wenn auch nur am Rande – der Firma unter ihm zu Nahe
gekommen war. Nein, das machte keinen Sinn. Bei all diesen Betrugsfällen war es
nie zu so brutalen Morden als Mittel der Verschleierung gekommen. Sicher, es
gab immer ein erstes Mal, aber das Täterprofil des Betrügers – egal in welch
großem Stil – passte nun einmal nicht zu dem des Killers. Und das war jener
Gelände-Jeepfahrer zweifellos. Also war das wohl doch eben nur eine Sackgasse.
Dazu passte eine kriminalistische Recherche überhaupt nicht zu Tobias. Er war
kein Journalist, kein Detektiv gewesen, dazu hatte ich ihn zu gut gekannt.
Seine Neugierde war nie über die normale jedes Menschen hinausgegangen. Er
hatte sich nie in die Aufklärung irgendwelcher rätselhaft erscheinenden
Ereignisse hinein gekniet. Es hatte ihn einfach nie interessiert. Also enthielt
diese Sammlung mit größter Wahrscheinlichkeit keinen direkten Hinweis auf
Dinge, denen er nachgegangen, dann zu Nahe gekommen und deswegen umgekommen
war. Frustriert schlenkerte ich den Schnellhefter hin und her. Da fiel etwas
heraus. Ich bückte mich und hob es auf. Es handelte sich um einen Zettel –
einen jener selbstklebenden gelben „Post-it“-Hafties. Als ich las, was darauf
stand, fiel ich aus allen Wolken.
In seiner kleinen Handschrift hatte er dort fein säuberlich
Adrianas Namen mit zwei Adressen aufgeschrieben: eine in Delft und eine zweite
in Enschede. Darunter hatte er vermerkt: Labor und das Wort unterstrichen. An
welchem Artikel hatte der Zettel geklebt und was sollte er da? Ich würde den
Hefter noch einmal ganz in Ruhe durchgehen müssen. Jetzt war dafür keine Zeit.
Ich warf noch einen Blick in die letzte Schreibtischschublade, aber dort fand sich
nichts relevantes. Damit hatte ich, soweit ich das beurteilen konnte, alles im
Zimmer durchgesehen. Und gefunden hatte ich ja auch etwas. Welchen Stellenwert
mein „Fund“ tatsächlich hatte, konnte ich noch nicht sagen.
Ich ging wieder hinunter zu den Eltern, bedankte mich und
fragte, ob ich den Schnellhefter mitnehmen dürfte. Sie gestatteten es mir ohne
Zögern und bedankten sich ihrerseits für meine Mühe. Es war eine unbehagliche
Situation. Deutlich war ihre Hoffnung zu spüren, mehr über den Tod ihres Sohnes
zu erfahren, gepaart mit der Angst, was dabei rauskommen könnte. Ich versprach,
sie auf dem Laufenden zu halten und verabschiedete mich. Leicht deprimiert ging
ich zur Bushaltestelle und fuhr zurück in die Innenstadt. Wie auf der Hinfahrt
konnte ich auch jetzt keinen Verfolger – weder den Jeep noch seinen stämmigen,
glatzköpfigen Fahrer – ausmachen. Hunger hatte ich noch keinen und so setzte
ich mich mit dem Hefter an den Küchentisch und las die Artikel gründlich durch.
Beinahe hätte ich dabei den Zeitpunkt verpasst, an dem ich wieder zum Bahnhof
musste, um nach Achim zu fahren. Hier wollte ich das Auto auf keinen Fall
nehmen, um meinen Verfolger nicht auf diese Spur zu locken. Das wäre furchtbar.
* * * * * *
Es war so gegen sechs Uhr abends, als ich wieder in „meinem“
Zimmer in der Schildstraße stand. Ich sah aus dem Fenster. Drunten auf der
Straße war kein Mensch zu sehen. Ich fühlte mich erleichtert. Trotz all meiner
Ängste war der Nachmittag gut verlaufen. In der Regionalbahn, die nur ca. 13
Minuten von Bremen nach Achim brauchte, hatte ich versucht, mich auf das zu
erwartende Gespräch einzustellen. Die Haltestellen Sebaldsbrück und Mahndorf
nahm ich zwar wahr, hätte sie aber später nicht beschreiben können. Im Nu war
ich in Achim und nahm mir ein Taxi, denn meine Schwägerin wohnte etwas
außerhalb. Trotz aller Grübeleien hatte ich immer wieder so unauffällig wie
möglich nach einem etwaigen Verfolger Ausschau gehalten, aber wiederum
niemanden entdecken können. Susan erwartete mich bereits am Eingang ihres
Einfamilienhauses und umarmte mich.
>Susan war die fünf Jahre jüngere Schwester meiner
verstorbenen Frau Pat. Mit ihrem Mann Hans, der als Architekt in Bremen
arbeitete, hatte sie drei Töchter. Die waren im gleichen Alter wie meine beiden
Söhne Peter und Paul, die Susan vor drei Jahren, nach dem Tod von Pat, bei sich
aufgenommen hatte. Dies war mein Wunsch gewesen, da ich mich außer Stande
gesehen hatte, weiter für die Jungs zu sorgen. Susan hatte dem auch sofort
zugestimmt. Wir beide hatten immer ein gutes Verhältnis gehabt, aber nun gab es
sehr Wichtiges zu klären. Nach den üblichen Fragen und kurzem Geplauder über
das, was ich zur Zeit so trieb – wobei ich meine Nachforschungen zum Tod von
Tobias und Clarissa verschwieg – gelangten wir recht schnell zum eigentlichen
Grund meines Besuches.
Peter wurde im August neun Jahre alt und war in der
Grundschule erfolgreich – ein guter Schüler. Paul war im Februar sieben Jahre
geworden und ging bereits seit vergangenem Sommer leidenschaftlich gerne zur
Schule. Da ich mich geweigert hatte, weiter für die Zukunft meiner Kinder zu
sorgen – auch wenn ich Susan und ihren Mann das Kindergeld gab, das ich immer
noch erhielt und sie darüber hinaus finanziell beim Unterhalt für die beiden
etwas unterstützte – und demnächst Entscheidungen über die Zukunft der beiden
Jungs anstanden, wollten sie meine Söhne jetzt adoptieren. Ich hatte das kommen
sehen und bereits über diesen Punkt nachgedacht. Das Verrückte war, dass ich
mich einerseits tatsächlich nicht um Peter und Paul kümmerte, kaum an sie
dachte, mir die Idee, sie rechtlich als meine Söhne aufzugeben, aber weh tat.
Ich merkte, dass Susan meine Zerrissenheit spürte. Sie ging äußerst behutsam
mit mir um und machte mir auch keinerlei Vorwürfe. Sie schilderte mir kurz,
dass sie beiden bereits vor einiger Zeit ganz vorsichtig beigebracht hatte,
dass ihre Mutter tot sei und nicht wiederkommen würde. Ich könnte nicht
genügend Zeit aufbringen, um für sie zu sorgen und von daher würden sie bei ihr
aufwachsen, auch wenn ich immer ihr leiblicher Vater bliebe und des öfteren
vorbeischauen würde. Sie verlören mich von daher nicht. Die Kinder schienen das
akzeptiert zu haben. Und fast wie auf ein Stichwort tauchten die beiden auch
kurz darauf im Wohnzimmer auf. Sie begrüßten mich herzlich, ohne auch nur im
Mindesten gedrückt zu wirken. Beide strahlten Lebensfreude aus. Da war kein
Hauch von Unglücklichkeit darüber zu spüren, dass wir nicht mehr zusammen
lebten. Ich merkte schnell, dass sie jetzt hier zu Hause waren und sich wohl
fühlten. Was immer unsere Entscheidungen in Zukunft noch für Auswirkungen haben
mochten, war zur Zeit überhaupt nicht abschätzbar. Wir tranken noch in Ruhe und
angenehmer Stimmung Kaffee zusammen. Bevor ich wieder aufbrach, erklärte ich
Susan, mit der Adoption einverstanden zu sein. Ich würde, sobald ich wieder in
Hamburg sei, alles rechtlich Notwendige auf den Weg bringen und sie über jeden
Schritt informieren. Dies erleichterte sie sichtlich sehr. Wir umarmten uns zum
Abschied und ich musste noch versprechen, recht bald wieder zu kommen. Am
besten, wenn auch Hans da war, damit wir einen Abend gemeinsam verbringen
konnten. Als ich wieder im Zug saß, fühlte ich mich ausgebrannt und leer.
Doch jetzt, wo ich gedankenverloren auf die Schildstraße
runter blickte, spürte ich die Erleichterung, das erledigt zu haben. Ich hoffte
inständig, den besten Weg für meine Söhne gewählt zu haben. Ich würde sie immer
wieder sehen, ihren Weg begleiten und sie wussten, dass es mich gab. Später
würden sie sicher Fragen stellen, aber dann hatte ich auch Antworten für sie.
Jetzt galt es, die Aufgabe wieder anzupacken, deretwegen ich überhaupt hierher
gekommen war. Onno hatte mir ein Heft von Tobias gegeben, das jedoch im Moment
verschwunden war. Dem würde ich gleich mal nachgehen. Wenn ich es wieder hatte,
wollte ich es erst mal Bernd zeigen, denn der wusste bestimmt jemanden, der
damit etwas anzufangen wusste. Und in Tobias‘ Elternhaus hatte ich den
Schnellhefter mit dem Zettel entdeckt. Darum würde ich mich hier noch kümmern.
Im Flur waren Stimmen zu hören. Onno und Adriana waren
gekommen. Wir setzten uns in die Küche, um etwas zu Abend zu essen, bevor wir
ins „Moments“ gehen mussten, um das Cabaret anzuschauen. Onno hatte schon Tee
gekocht und es gab Brot mit gemischtem Aufschnitt. Er erzählte von einem
Beitrag, den er für die Fernsehsendung „buten und binnen“ machen musste, das
wohl erfolgreichste Vorabendmagazin hier im Norden. Beiläufig fragte ich dann,
ob jemand Tobias‘ Heft gesehen habe, das ich nicht mehr finden konnte. Zu
meiner Überraschung nickte Adriana.
„Ja, ich hab’s. Entschuldige, ich wollte es dir gleich heute
früh wieder hinlegen, Amos. Du hattest es gestern Abend hier auf dem Tisch
liegen lassen und da hab ich es mir nochmal in Ruhe angesehen. Aber ich konnte
beim besten Willen nichts verstehen.“
Sie lächelte entschuldigend und die Unterhaltung drehte sich
dann um Hartmut und Marianna, sowie das Cabaret, das sie bereits seit vielen
Jahren mit sieben anderen Juristen aus Bremen machten. Diese Erklärung von ihr
klang jedoch in meinen Ohren fadenscheinig. Erstens war ich sicher, das Heft
mit auf mein Zimmer genommen und in der Reisetasche verstaut zu haben und
zweitens machte es keinen Sinn, dass sie es sich noch einmal vorgenommen haben
sollte, nachdem sie bereits gestern Abend hinein geschaut und gesagt hatte, sie
verstünde diese Zeichen auch nicht. Aber ich ließ es fürs Erste darauf beruhen.
Irgendwann demnächst musste ich noch einmal in Ruhe mit ihr reden. Bald wurde
es auch sowieso Zeit, los zu gehen.
Das „Moments“ war von der Schildstraße aus gut zu Fuß zu
erreichen. Nur etwa fünf Minuten ins Steintorviertel hinein und schon waren wir
da. Ein paar Stufen führten zu einer Rampe, auf der man zum Eingang gelang. Ich
war überrascht, wie berstend voll der Laden war. Man hatte mir erklärt, dass
der Raum auch oft als Disco genützt wurde, was ich selbst an der aufwendigen
Lichtanlage erkennen konnte. Man ging durch den Vorraum, der gleichzeitig auch
als Bar fungierte und kam in den Raum mit Bühne und Tanzfläche. Jetzt war alles
bestuhlt. Der Saal hatte sich schon ziemlich gefüllt. Platzkarten gab es hier
keine. In der hintersten Reihe, leicht erhöht, fanden wir noch drei Barhocker,
auf denen wir uns niederließen. Die Atmosphäre erinnerte mich an meine
Studienzeiten. Überall wurde es eingeschränkt oder sogar verboten, aber hier
wurde noch geraucht. Onno kämpfte sich durch die Massen und ergatterte für uns
an der Bar drei Gläser Pino Grigio. Das Publikum entsprach unserer
Altersgruppe, das heißt die Vierzig bis Fünfzig-jährigen überwogen. Mir gefiel
die Stimmung, das ganze Ambiente gut, auch wenn es in meinen Augen etwas
Nostalgisches besaß. Über das Programm, das die neun darboten, amüsierte ich
mich in weiten Teilen königlich. Die speziellen Spitzen auf Bremer Verhältnisse
verstand ich natürlich nicht, auch wenn sich Onno redlich Mühe gab, mir immer
etwas Erklärendes zuzuraunen. Ihre Attacken auf unsere sogenannte
„Spaßgesellschaft“ fand ich herrlich – wie die „Eventgebühr“ bei den Behörden
und den nächtlichen Notruf bei der Polizei, der bei der Hotline eines
Callcenters landet. Ihre Veralberung deutscher Bundespolitiker funktionierte
ebenso gut wie der Teil, in dem sie sich selbst aufs Korn nahmen und von einem
Wohngemeinschafts-Rentnerdasein im Süden Europas träumten. Sie bedauerten da
nur, dass sie dann nicht so „malerisch“ faltig aussähen, wie die Alten aus
Kuba, die Wim Wenders in seinem Dokumentarfilm „Buena Vista Social Club“
verewigt hatte. Am rauschenden Beifall nach jeder Nummer und der Begeisterung
im Saal konnte man unschwer erkennen, dass hier Freunde und Fans dieser
munteren Cabaret-Truppe versammelt waren.
Es waren zwei äußerst unterhaltsame Stunden gewesen und die
Menge drängte langsam aber sicher in Richtung Ausgang. Wir blieben zurück, da
Onno und Adriana noch auf Hartmut und Marianna warten wollten. Man könne dann
ja in aller Ruhe zu Hause etwas trinken. Es dauerte noch etwa eine viertel
Stunde, in der die Truppe die Bühne selber aufräumte, bis die beiden
schließlich kamen, verschwitzt aber zufrieden. An der Bar standen immer noch
einige herum, tranken und unterhielten sich lebhaft. Ich ging voran. Hinter mir
kamen Hartmut mit Adriana sowie Onno mit Marianna und einem weiteren Mitglied
des Cabarets, Stephan Pulß. Man unterhielt sich über die gerade gesehenen
Nummern und tauschte den üblichen Klatsch über Kollegen bei Radio Bremen aus,
wo Stephan als freier Journalist für den Hörfunk arbeitete.
Draußen wehte ein kühler Wind. Ich zog meinen Parka fester
um mich. Ich trat von der Rampe die erste Stufe der Treppe hinunter, als ich
bemerkte, dass mein rechter Schnürsenkel aufgegangen war. Darüber wollte ich
nicht stolpern. Ich bückte mich noch auf der Treppe, um ihn zuzumachen. Ein
scharfer Wind zischte an meinem linken Ohr vorbei. Ich kann bis heute nicht sagen
warum, aber ich wusste sofort, was das gewesen war. Blitzschnell richtete ich
mich halb auf. Und warf zuerst einen raschen Blick über meine Schulter. Hartmut
wirkte wie für einen kurzen Moment eingefroren. Sein Mund stand offen, die
Augen weit aufgerissen. Dann sank er langsam zu Seite. Die anderen schienen
noch überhaupt nicht bemerkt zu haben, was geschehen war. Um Hartmut konnte ich
mich jetzt nicht kümmern, das würden schon die anderen tun. Auf der
gegenüberliegenden Straßenseite erkannte ich ihn sofort. Der stämmige Mann mit
Glatze und Schnauzer drehte sich weg und ging gemächlich den Ostertorsteinweg
nach links in Richtung Sielwall hinunter. Die Hand, die er in seine Jacke
gesteckt hatte, hielt sicher noch die Pistole mit Schalldämpfer. Denn den Schuss
hatte man nicht gehört. Als er aus den Augenwinkeln wahrnahm, dass ich nicht
getroffen war, sondern ansetzte, ihm zu folgen, beschleunigte er seine
Schritte.
Ohne auf den Verkehr zu achten, hechtete ich über die
Straße. Im Laufen zog ich meine Pistole aus der Tasche. Der Kerl sollte ruhig
sehen, dass ich bewaffnet war. Jetzt erst vernahm ich Schreie und lautes Rufen,
achtete aber nicht weiter darauf. Der Killer setzte mittlerweile zu einem Lauf
an, der immer schneller wurde. Hoffentlich hatte ich genug Atem für eine solche
Verfolgungsjagd. Schießen konnte ich jedenfalls nicht bei all den Menschen, die
sich um uns herum noch auf der Straße befanden und ängstlich beiseite stoben.
Bei einem Lebensmittelmarktes, der sich an der Ecke eines kleinen Platzes
befand, auf dem ein Ziegen-Denkmal stand, bog er nach rechts ein und rannte
immer schneller eine schmale Straße zwischen einer Buchhandlung und einem
türkischen Reisebüro hinunter. Hier war keine Menschenseele mehr zu sehen und
ich zog im Laufen meine Pistole heraus. Doch der Kerl wurde immer schneller und
der Abstand zwischen uns vergrößerte sich zusehends. Trotz aller Risiken blieb
ich stehen, legte die Waffe an und schoss auf den Flüchtigen. Ich schien ihn
getroffen zu haben, denn er kam ins Torkeln, hastete jedoch trotzdem weiter.
Ich setzte ihm nach. Da bog er um eine Straßenecke. Als ich diese auch erreicht
hatte, hörte ich einen Wagen anspringen. Ich kam zu spät. Der Geländejeep fuhr
scharf aus einer Parklücke und verschwand um eine weitere Straßenecke.
Ich sah dem Auto nach und merkte erst jetzt, dass ich fast
keine Puste mehr hatte. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Mit Entsetzen
stellte ich fest, dass ich kaum Luft holen konnte. Meine Lungen schienen sich
gar nicht richtig zu füllen. Ich schnaufte und schnaufte; langsam wurde es
besser. Die Pistole steckte ich wieder in die Tasche meines Parka und machte
mich auf den Rückweg. Jetzt vermochte ich auch das Straßenschild der Gasse zu
lesen, in der ich geschossen hatte: sie hieß Wieland Straße. Offenbar hatte der
Knall der Pistole aber keine Neugierigen auf den Plan gerufen. Sie lag noch
genau so ausgestorben da, wie eben. Der Täter war entkommen. Aber er wusste jetzt
zum einen, dass ich ihn kannte und selbst auch bewaffnet war. Wie er darauf
reagieren würde, konnte ich natürlich nicht vorhersehen. Auf alle Fälle musste
ich nach dem Anschlag auf mich doppelt vorsichtig sein. Das Schlimme war, dass
es einen anderen erwischt hatte. Schon vom Ziegenmarkt aus sah ich, dass
überall Polizei- und Rettungswagen standen. Was sollte ich jetzt tun?
Die anderen würden sicher angeben, dass ich dabei gewesen
war. Also konnte ich nicht einfach so verschwinden. Andererseits musste ich
aufpassen, dass meine Pistole nicht entdeckt wurde. Das wäre fatal, denn ich
besaß je keinen Waffenschein, noch eine Genehmigung für diese Pistole. Ich
musste einfach vorsichtig sein. Zurück in die Schildstraße zu laufen, um die
Waffe dort zu verstecken, würde einfach zu lange dauern. Also konnte ich nur
hoffen und beten, dass ich ungeschoren davon kam. Entschlossen näherte ich mich
dem Tatort. Was war es hier bis vor kurzem noch friedlich gewesen; nun war die
eher heitere Abendstimmung dahin.
© Toby Martins, 2005
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